Auf den Spuren der Vergangenheit

Wo kommen eigentlich die Schreibmaschinen her, auf denen wir unsere type. Karten tippen? – Wir begaben uns auf Spurensuche nach unserer "Adler Universal" aus den 50er Jahren.

 

Es war ein besonderer Moment, als die Idee, handgetippte Mailings und Karten als Marketinginstrument einzusetzen, zu einem echten Projekt wurde. Nun stand diese alte, schwere Schreibmaschine der Marke "Adler" auf dem Tisch vor uns. Etwas aus der Zeit gehoben tatsächlich, aber in ihrem schlichten Design an die Bauhaus-Ära erinnernd. Die Anordnung der Buchstaben, so wie wir es von den schlanken Tastaturen unserer Laptops kennen, jedoch nach oben aufsteigend wie die Ränge im Theater – und das Papier: eine bewegliche Bühne. 

 

Mit dem Einzug in unser Büro breitete sich auch die Frage aus: 

Welche Geschichte im Sinne von Historie verbirgt sich hinter dem Namen "Adler"?

Wahrscheinlich fallen den meisten beim Namen Adler die Motoräder und Automobile ein. Die allerdings kamen in der Geschichte der Adlerwerke erst später. 

 

Begonnen hat alles, als am 1. März 1880 der 27-jährige Heinrich Kleyer eine Maschinen- und Fahrradhandlung gründete, ein Unternehmen, das beispielhaft für die rasante Entwicklung der Industrie in Deutschland nach der Reichsgründung im Jahr 1871 steht.

 

Heinrich Kleyer studierte in seiner Geburtsstadt Darmstadt an der Technischen Hochschule. 1875 ging er dann nach Hamburg. Dort sammelte er erste berufliche Erfahrungen und lebte im Anschluss an diese Zeit für ein Jahr in den USA.

 

In Amerika wurde seine Begeisterung für das Fahrrad geweckt. Ob er, als er sein erstes Hochradrennen besuchte, ahnte, dass es sein weiteres Leben bestimmen sollte? Zurück in Deutschland gründete er jedenfalls 1881 den Frankfurter Bicycle Club. Er selbst fuhr erfolgreich Radrennen und baute in Frankfurt ein Velodrom und eine Schul- und Schauradfahrbahn.

 

Angetrieben durch seine Leidenschaft schaffte er es, dass bereits fünf Jahre nach Gründung seines Unternehmens daraus die erste deutsche Fahrradfabrik, die Heinrich Kleyer GmbH, entstand. 

 

Neun Jahre nach der Gründung, im Jahr 1889, entstand im Frankfurter Gallus-Viertel auf einem Areal von 18.000 Quadratmetern eine Fabrik mit 600 Arbeits-plätzen. 

 

Das Tempo des Erfolgs und Fortschritts des Werkes lässt sich am besten an einigen Jahreszahlen aufzeigen:

 

1886

Kleyer brachte unter dem Markennamen "Adler" sein erstes Fahrrad auf den Markt – ein Niederrad im Gegensatz zu den damals noch gebräuchlichen Hochrädern. Als erster in Deutschland stattete Kleyer Fahrräder mit Luftreifen aus.

 

1893

Kleyer war Mitbegründer der in Hanau ansässigen Dunlop Pneumatic Tyre Comp. GmbH 

 

1895

Das Unternehmen wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und heißt von nun an "Adlerwerke 

vorm. Heinrich Kleyer AG" – Grundkapital: 2,5 Millionen Mark.

 

1898

An die Anleger werden 20 Prozent als Dividende ausgezahlt.

Erste Beschäftigung mit der Entwicklung von Motorrädern und Automobilen

 

1900

Beginn der Herstellung erster Automobile

Durch seinen Aufenthalt in den USA hatte Kleyer früh von einer serienmäßigen Produktion von Schreibmaschinen erfahren und sah, visionär wie er war, die wirtschaftliche Bedeutung für das sich industriell entwickelnde Deutschland. In den 1890er Jahren begann auch in Deutschland die Büroar-beit zuzunehmen und eine Entwicklung hin zur Arbeit an einer Schreibmaschine wurde unaufhaltsam.

 

Lange galt in Handel und Verwaltung jedoch die Auffassung, dass ein handgeschriebener Brief höflicher sei als ein maschinell gefertigter. Kommt uns das heute bekannt vor? Auch die Entwicklung hin zur Online-Kommunikation wird als formeller und weniger persönlich angesehen. Wichtige Einladungen werden auch heute noch in Papierform überreicht. Und auch dabei zeigt sich ein kleiner, feiner Unterschied: So ist die Wertschätzung gegenüber handschriftlichen und auch maschinengetippten Karten höher als die gegenüber durch Druck vervielfältigter. 

 

Der Siegeszug der Schreibmaschine begann

Kleyer hatte bereits 1896 die Patente an der kanadischen "Empire"- Schreibmaschine von Wellington P. Kidder erworben. Er verbesserte deren Konstruktion und produzierte von 1898 bis 1900 eine "deutsche Empire" (etwa 3.000 Stück). Mit der Änderung der Schreibmaschinen-Bezeichnung in "Adler 7" im Jahr 1901 begann eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte.

 

Die "Adler 7" war die erste Schreibmaschine deutscher Produktion, die national und international zum Verkaufsschlager wurde. Doch da es zu jener Zeit noch keinen professionellen Büromaschinenhandel gab, wurden die ersten Schreibmaschinen noch über die Adler Fahrradhändler verkauft.

 

Trotz ihres stolzen Einführungspreises von 300 Goldmark – das entspricht heute etwa 1.550 Euro – wurden innerhalb der ersten vier Jahre bereits 20.000 "Adler 7" verkauft. Damit avancierte die Schreibmaschine zum neuen Massenartikel. 

 

Gründe für den großen Erfolg waren sicher die für damalige Verhält-nisse technische Brillanz, Zuverlässigkeit und Robustheit der Büromaschine und weniger das beachtliche Gewicht von 10,8 Kilogramm.

 

Optisch auffällig war vor allem die Verzierung durch das in Goldschrift gehaltene Firmendekor 

auf der Abdeckhaube.

 

Dort prangte die Aufschrift "ADLER" sowie "Adlerwerke vorm. Heinrich Kleyer Aktiengesellschaft Frankfurt a/M.". Um den Ursprung als Fahrradwerke zu betonen, wurde über dieser Schrift ein goldfarbiger Adler mit einem Rad abgebildet. 

 

Dieses legendäre Grundmodell wurde bis weit in die 1930er Jahre in großen Stückzahlen produziert.

Neben Schreibmaschinen fertigen die Adlerwerke aber vor allem auch Motorräder (zwischen 1902-1908 und 1949-1958) und wunderschöne Automobile (1900-1940).

 

Ausblick

1932 starb Heinrich Kleyer. Sein Sohn Erwin Kleyer (1888–1975) folgte ihm im Vorstand der Adlerwerke nach. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten die Adlerwerke die Automobilproduktion ein und fokussierten sich auf den Bau von Fahrrädern, Büromaschinen, Motorrädern und Werkzeugmaschinen.

 

1957 kaufte Max Grundig eine Beteiligung an den Adlerwerken und schloss ein Jahr später die Triumph-Werke und Adlerwerke sowie den Diktiergeräte-Bereich seiner Grundig-Tonbandgerätewerke zur Triumph-Adler Büromaschinen-Vertriebsgesellschaft zusammen. 

 

Auch die späteren Triumph-Adler Eigentümer Litton Industries, Volkswagen und Olivetti beschränkten sich bis zur Einstellung der Produktion im Jahr 1998 auf Büromaschinen.

 

Seit 2002 sind die einstigen Adlerwerke als "Adler Real Estate" in der Immobilienprojektentwicklung tätig. Der historische Firmensitz in der Kleyerstrasse in Frankfurt-Gallus ist heute ein beeindruckendes Industriedenkmal, von dem noch der westliche und östliche Teil erhalten sind. Besonders markant ist der östliche Backsteinbau aus dem Jahr 1907. Zu den derzeitigen Mietern gehört übrigens unter anderem das Gallus Theater.

 

Das Heute

Nun steht also ein Stück Industriegeschichte auf unserem Bürotisch. Mit unserer "Adler" Zitate zu schreiben, folgt einem anderen Rhythmus, als das schnelle Tippen auf der Tastatur am Computer. Das merkten wir schnell. Jeder Buchstabe muss passen, kein copy & paste. Und einmal vertippt – kein delete. Es ist eine konzentrierte und achtsame Arbeit – und wahrscheinlich passt unsere Idee einer Renaissance der Schreibmaschine genau deshalb so gut in unsere heutige Zeit, weil sie sich bewusst deren Schnelllebigkeit entzieht. Hier lebt der Moment, in dem ein Unikat entsteht. In einer Welt, die viel Beliebigkeit produziert, schaffen wir etwas Besonderes.

 

Text: Anja Danisewitsch